Die Evolution der Faulheit

Die Evolution der Faulheit: Warum wir uns gegen das Fitnessstudio wehren – Eine Zusammenfassung des Interviews mit Daniel Lieberman

Abschnitt 1: Das zentrale Paradoxon: Warum wir Widerstand gegen das leisten, was gut für uns ist

In einem ausführlichen Interview erläutert der Harvard-Evolutionsbiologe Daniel Lieberman ein grundlegendes Paradoxon des modernen Lebens: Wenn Bewegung unbestreitbar gut für unsere Gesundheit ist, warum empfinden dann so viele Menschen eine tiefe Abneigung dagegen?.1 Lieberman argumentiert, dass die Antwort nicht in persönlichem Versagen oder „Faulheit“ zu finden ist, sondern in unserer evolutionären Vergangenheit. Seine zentrale These ist, dass der Mensch sich zwar dazu entwickelt hat, körperlich aktiv zu sein, aber nicht dazu, freiwillig zu „trainieren“.2

Jahrtausendelang war Energie eine knappe und wertvolle Ressource. Daher ist die Vermeidung unnötiger Anstrengung ein tief verwurzelter Instinkt, der für das Überleben entscheidend war.2 Kalorien für Aktivitäten auszugeben, die nicht der Nahrungsbeschaffung oder anderen notwendigen Aufgaben dienten, wäre aus evolutionärer Sicht unklug gewesen.6 Folglich ist der moderne Drang, auf dem Sofa zu bleiben, anstatt ins Fitnessstudio zu gehen, kein Zeichen von Charakterschwäche, sondern ein normales, evolutionär bedingtes Verhalten.2

Lieberman prägte den Begriff „exercised“ (im Englischen ein Wortspiel, das sowohl „trainiert“ als auch „beunruhigt/verärgert“ bedeutet), um die Angst und Verwirrung zu beschreiben, die viele Menschen in Bezug auf körperliche Aktivität empfinden.4 Sein Ziel ist es, diese Ängste abzubauen, indem er Mythen entlarvt und einen mitfühlenderen, anthropologisch fundierten Ansatz für Bewegung im 21. Jahrhundert bietet.4

Abschnitt 2: Die Entlarvung des Mythos vom „athletischen Wilden“

Ein weit verbreitetes Missverständnis ist, dass unsere Vorfahren als Jäger und Sammler unermüdliche Superathleten waren. Lieberman entlarvt dieses Bild als Mythos.8 Die Realität des Lebens im Paläolithikum war differenzierter.

  • Aktivität aus Notwendigkeit, nicht aus Wahl: Unsere Vorfahren waren körperlich aktiv, weil es für ihr Überleben unerlässlich war. Sie verbrachten Stunden mit Gehen, Graben, Tragen und gelegentlichem Laufen oder Klettern.2 Es gab keine Laufbänder oder Fitnessstudios; Aktivität war untrennbar mit dem täglichen Leben verbunden.
  • Moderate Aktivitätslevel: Studien über heute noch existierende Jäger-und-Sammler-Gesellschaften, wie die Hadza in Tansania, zeigen, dass sie täglich etwa 2,25 Stunden mäßige bis anstrengende körperliche Aktivität ausüben.2 Sie waren fit und stark, aber nicht übermäßig muskulös oder ständig in Bewegung, wie man es sich vielleicht vorstellt.8
  • Die Bedeutung der Ruhe: Ein entscheidender Punkt ist, dass unsere Vorfahren auch viel Zeit mit Ausruhen verbrachten. Schätzungen zufolge saßen sie fast 10 Stunden am Tag, ähnlich wie moderne Büroangestellte.2 Dies widerlegt die Vorstellung, dass sie ständig aktiv waren und dass Sitzen an sich unnatürlich ist.

Abschnitt 3: Gängige Mythen über Bewegung und Gesundheit

Lieberman widmet einen erheblichen Teil seiner Arbeit der Entlarvung gängiger Mythen, die zu Schuldgefühlen und Verwirrung führen.

  • Mythos 1: „Sitzen ist das neue Rauchen.“ Lieberman hält diesen Vergleich für unzutreffend und übertrieben.2 Während stundenlanges, ununterbrochenes Sitzen gesundheitsschädlich ist, ist das Sitzen selbst ein normaler menschlicher Zustand. Er betont, dass es einen Unterschied zwischen dem Sitzen während der Arbeit und dem Sitzen in der Freizeit gibt, wobei letzteres stärker mit negativen Gesundheitsfolgen verbunden ist.2 Der Schlüssel liegt darin, das Sitzen regelmäßig zu unterbrechen – aufzustehen, sich zu strecken oder herumzuzappeln –, um den Stoffwechsel zu aktivieren.2
  • Mythos 2: „Laufen ruiniert die Knie.“ Dies ist ein weit verbreiteter Irrglaube, den Lieberman entschieden zurückweist. Er argumentiert, dass der menschliche Körper gut für das Laufen angepasst ist und dass Laufen, wenn es richtig gemacht wird, die Knie nicht zwangsläufig schädigt.7
  • Mythos 3: „Man muss ein Spitzensportler sein, um gesund zu sein.“ Die Daten zeigen ein anderes Bild. Schon eine geringe Menge an körperlicher Aktivität hat enorme gesundheitliche Vorteile. Nur 150 Minuten pro Woche – das sind 21 Minuten pro Tag – können das Sterberisiko um etwa 50 % senken.2Jede Bewegung ist deutlich besser als gar keine.8
  • Mythos 4: „Man kann durch Gehen nicht abnehmen.“ Lieberman bestätigt, dass Gehen ein wirksames Mittel zur Gewichtskontrolle sein kann.7

Abschnitt 4: Die evolutionären Vorteile lebenslanger Aktivität

Obwohl wir nicht dazu veranlagt sind, freiwillig zu trainieren, ist körperliche Aktivität für unsere langfristige Gesundheit von entscheidender Bedeutung. Lieberman erklärt, dass körperliche Anstrengung als positiver Stressor wirkt, der die körpereigenen Reparatur- und Wartungsmechanismen anregt.6 Diese Prozesse verlangsamen den altersbedingten Verfall und stärken fast jedes Organ, einschließlich Muskeln, Knochen, Gehirn und Immunsystem.6

Besonders wichtig ist die Aktivität im Alter. In Jäger-und-Sammler-Gesellschaften gab es keinen Ruhestand; ältere Menschen, insbesondere Großeltern, arbeiteten oft härter als jüngere Erwachsene, um ihre Familien zu versorgen.2 Wir haben uns dazu entwickelt, unser ganzes Leben lang aktiv zu sein. Ein sitzender Lebensstil im Alter ist daher besonders schädlich, da er uns dieser entscheidenden Anti-Aging-Mechanismen beraubt.2

Abschnitt 5: Ein mitfühlender Rahmen für moderne Bewegung

Anstatt Menschen für ihre Untätigkeit zu beschämen, plädiert Lieberman für einen verständnisvolleren und praktischeren Ansatz, der auf unserer evolutionären Natur basiert.

  • Schluss mit Schuld und Scham: Der erste Schritt besteht darin, anzuerkennen, dass die Abneigung gegen Bewegung ein normaler Instinkt und kein persönliches Versäumnis ist.2 Dieser Perspektivwechsel kann befreiend sein und den Weg für eine gesündere Beziehung zur körperlichen Aktivität ebnen.
  • Machen Sie es notwendig und sozial: Unsere Vorfahren waren aus zwei Gründen aktiv: weil es notwendig war und weil es sozial lohnend war (z. B. durch Tanz oder Spiele).2 Um in der modernen Welt erfolgreich zu sein, sollten wir versuchen, diese Prinzipien nachzuahmen. Dies kann bedeuten, sich mit Freunden zu verabreden, Verpflichtungen einzugehen oder Aktivitäten zu finden, die wirklich Spaß machen.6
  • Konstanz vor Intensität: Es ist nicht notwendig, Marathons zu laufen. Schon eine kleine, regelmäßige Dosis an Bewegung ist äußerst vorteilhaft.2 Das Wissen, dass bereits 10–20 Minuten pro Tag einen großen Unterschied machen können, kann die Einstiegshürde erheblich senken.
  • Behandeln Sie Bewegung wie Bildung: Lieberman schlägt vor, Bewegung wie Bildung zu betrachten – etwas, das notwendig ist, aber auch angenehm gestaltet werden kann.8

Indem wir unsere evolutionäre Vergangenheit verstehen, können wir aufhören, gegen unsere Instinkte zu kämpfen, und stattdessen Wege finden, Bewegung auf eine Weise in unser Leben zu integrieren, die nachhaltig, effektiv und weniger angstbesetzt ist.

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